Wenn Oma plötzlich „Bold Flavours“ kochte

Autor: Thomas Sixt ist Koch, Food-Fotograf und Autor aus Deutschland. Seine Rezepte basieren auf 30 Jahren Küchenerfahrung und sind garantiert gelingsicher.
Manchmal stolpere ich über Schlagzeilen, die klingen wie aus einer Parallelwelt. So las ich kürzlich im Branchenmagazin FoodNavigator von den „Food Trends Herbst/Winter 2025: Bold Flavours & Indulgence“.
Als wäre es eine bahnbrechende Erkenntnis, dass wir im Herbst plötzlich Lust auf kräftige Aromen und deftiges Essen verspüren.
Brauchen wir wirklich einen Trendreport aus London oder New York, um zu merken, dass Gänsebraten, Rotkohl und ein Löffel Pflaumenmus im Herbst mehr Sinn ergeben als Smoothie-Bowls? Wohl kaum.
Erinnerungen an echtes Sonntagsessen
Ich erinnere mich noch gut an meine Großmutter. Die wusste nichts von „Bold Flavours“. Sie kochte einfach einen Schweinsbraten, der nach Kümmel roch, und servierte dazu bayerisches Sauerkraut, das säuerlich und leicht scharf zugleich war.
Die Kruste wurde bestmöglich fair am Tisch verteilt, jeder wollte sie haben, weil sie so herrlich knusprig war, cremig wurde sie nur im Mund. Heute nennt man das Textur Spiel, damals nannte man es Sonntagsessen.
Was wirklich nach Herbst schmeckt
Starker Herbstgeschmack, das erinnert mich als Koch an Gerichte wie Böfflamott, bei dem das Fleisch im Rotwein fast von allein zerfällt.
An Gulasch, das stundenlang auf dem Herd blubberte, bis Paprika und Zwiebeln eine samtige Sauce ergaben.
An eine Gulaschsuppe, die schon beim ersten Löffel den Nebel vor der Haustür vertreibt.
Und an Boeuf Bourguignon, französisch im Namen, aber ganz erdig und bodenständig im Geschmack.
Meine Empfehlung ab September
Meine Empfehlung ab September ist eine klassische Kürbissuppe. Leuchtend orange, samtig auf der Zunge, dezent gewürzt.
Ein Gericht, das wärmt, ohne schwer zu sein. Für mich ist sie der ideale Auftakt in die kühle Jahreszeit, gerade weil sie in ihrer Schlichtheit überzeugt.

Warum ich über Trends nur schmunzeln kann
Natürlich braucht die Marketingwelt ihre Etiketten. „Indulgence“ klingt schicker als „Schlemmen“.
Man stelle sich den Trendreport mit deutschem Titel vor: „Kräftige Aromen & Völlerei“. Das kauft kein Lifestyle Magazin, da klingt jedes Volksfest ehrlicher.
Ich will gar nicht kleinreden, dass wir im Herbst Lust auf mehr haben: mehr Würze, mehr Fett, mehr Süße.
Aber neu ist daran nichts. Es ist der uralte Rhythmus der Jahreszeiten. Der Körper verlangt Wärmendes, wenn draußen Nebel hängt.
Dass daraus jedes Jahr ein Trendthema gemacht wird, zeigt nur, wie weit die Food Branche von der Realität einer Küche entfernt ist.
Ein Löffel Pflaumenmus
Also: Wenn du diesen Herbst einen Schmortopf ansetzt, ordentlich Rotwein reinkippst und eine Prise Chili dazustreust, dann machst du alles richtig. Und nein, du folgst keinem Trend. Du folgst dem gesunden Menschenverstand und dem, was seit Jahrhunderten funktioniert.
Ein kräftiger Schmortopf lebt nicht nur vom Fleisch und der Sauce, sondern auch von der kleinen Raffinesse, die ihn abrundet. Für mich ist das im Herbst ein Löffel Pflaumenmus.
Die Süße und Fruchtigkeit verbinden sich mit der stark reduzierten Sauce und heben die würzigen Noten noch einmal an.
Das ist keine moderne Erfindung, sondern ein alter Küchenkniff, der beweist, wie einfach sich Geschmack, Eleganz und Tiefe 😎 in ein Gericht bringen lassen.

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