Deutschland futtert ohne Kultur? Wo gibt es heute noch ein Wirtshaus, in dem Rouladen langsam geschmort und nicht aus der Packung aufgewärmt werden?
Ein Restaurant, in dem das Böfflamott wirklich nach Rotwein, Rindfleisch und Geduld schmeckt?
Wer solche Fragen stellt, stößt schnell auf betretenes Schweigen. Ja, wir haben schwäbische Spätzle, bayerischen Schweinsbraten und Berliner Boulette.
Aber pflegen wir unsere deutsche kulinarische Identität wirklich?
Deutschland zwischen Döner und Schweinsbraten
Deutschland futtert, und zwar nicht schlecht. Satt werden ist gut und wichtig. In jeder deutschen Stadt gibt es Dönerbuden, Pide-Läden, syrische Spezialitäten und vieles davon schmeckt dem Kunden auch. Aber wo spielt die deutsche Traditionsküche mit? Ich wünsche mir darum so oft frischen Wind in der deutschen Küche!
Es geht nicht darum, Grenzen zu ziehen. Es geht darum, selbstbewusst das Eigene neu zu gestalten.
Neu bedeutet mehr Kreativität in deutschen Gerichten.
Was Paris mir gezeigt hat
Vor einigen Jahren war ich in Paris, um einen befreundeten Sternekoch zu besuchen. Paris liebt seine Klassiker: Gänseleber, Austern, Boeuf Bourguignon. Die Stadt trägt ihre kulinarische Tradition wie ein Maßanzug. Gleichzeitig integriert sie Neues mit spielerischer Leichtigkeit.
Im Sushi-Lokal entdeckte ich eine Pariser Spezialität: Sushi mit Gänseleber und Mango, dazu Zwiebelconfit. Japanische Esskultur trifft französische Eigenart. Heraus kam kein billiger Kompromiss, sondern eine Symbiose. Ein Gericht, das zeigte: Hier wird nicht kopiert, hier wird verwandelt.
Natürlich rechne ich jetzt mit bösen Blicken. Gänseleber ist so wenig woke wie eine geschmorte Kalbshaxe. Aber ich habe dort etwas Entscheidendes verstanden: Esskultur entsteht, wenn man das Eigene mit Neuem verbindet.

Was uns fehlt
Genau das vermisse ich hierzulande. Hier etablieren sich fremde Küchen schnell, aber ohne deutschen Akzent. Wir übernehmen Döner, Pizza, Sushi, und lassen es dabei bewenden.
Wo bleibt der deutsche Dreh? Wo ist das Sushi mit Blutwurst oder mit Matjes? Der Falafel mit Sauerkraut?
Wenn wir es versuchen, passieren tragische Dinge. Dann landen die Ananas oder die Fischstäbchen auf der Pizza und ich habe das Gefühl, das ist alles nur ein Marketing-Gag aber kein Genuss.
Esskultur im Wandel bedeutet nicht, nur Neues zu übernehmen. Es heißt auch, die eigene Esskultur zu bewahren und mutig zu gestalten.
Wir Deutschen aber tun so, als gäbe es keine Heimatküche. Wir schauen staunend auf die Vielfalt der anderen, während unsere eigenen Gerichte langsam verschwinden.
Moderne Vorlieben, alte Verluste
Moderne Esskultur zeigt sich in Bowls, veganen Würsten und Superfoods. Es sieht schön aus, passt ins Instagram-Format und beruhigt das Gewissen. Doch wer zum Beispiel Avocado isst, isst sie selten wegen des Geschmacks. Es ist eine Lifestyle Entscheidung.
Gleichzeitig ist der woke Avocado-Kult an Absurdität kaum zu überbieten, denn keine Avocado wächst in Deutschland, alle Früchte kommen von weit her.
Die Avocado gilt hierzulande als Heilsbringer moderner Esskultur. Grün, cremig, angeblich gesund. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Das Superfood ist ein ökologischer Irrläufer.
Die meisten Avocados, die in deutschen Supermärkten liegen, kommen aus Mexiko, Chile oder Peru. Sie haben Tausende Kilometer Reise hinter sich, oft im Flugzeug oder auf Kühlcontainerschiffen.
Allein der Transport bläst Unmengen CO₂ in die Luft. Eine einzelne Avocado verursacht in der Klimabilanz rund 0,6 bis 1 Kilogramm CO₂. Das ist deutlich mehr als ein regionaler Apfel, der mit 0,03 Kilogramm auskommt.
Das eigentliche Problem aber liegt im Wasserverbrauch. Für ein Kilo Avocados werden bis zu 1.500 Liter Wasser benötigt. In Chile trocknen ganze Landstriche aus, weil riesige Plantagen die Flüsse umleiten. In Mexiko wird die Frucht sogar als „grünes Gold“ gehandelt, um das kriminelle Kartelle kämpfen. Umweltzerstörung, Landraub, Gewalt, das ist alles Teil der Avocado-Industrie.
Und dann steht die Frucht hier in der Bowl, hübsch angerichtet, als Zeichen von Nachhaltigkeit und Bewusstsein. Ironisch, oder? Während wir im Veggie-Restaurant meinen, die Welt zu retten, trocknen anderswo die Böden aus.
Als Koch sage ich: Ein frischer Apfel aus dem Alten Land oder ein Kohlrabi vom Bauern um die Ecke haben mehr Geschmack, weniger Probleme und eine bessere Geschichte.
Und…Parallel verschwinden Rouladen, Klopse und Schmortöpfe. Sie brauchen Zeit, die kaum einer investieren will.
In einer Gesellschaft, die Fertiggerichte liebt, sind traditionelle Speisen ein Luxus. Ich kenne viele, die noch Schweinebraten mögen, aber wenige, die ihn noch selbst kochen.
Familie und Ritual
Die Esskultur in der Familie war einmal der Kern. Am Tisch wurde geteilt, geredet und gelacht. Ich erinnere mich an den Sonntagsbraten bei meinen Großeltern, oft ein bayerischer Schweinsbraten mit Knödel und Sauerkraut. Dazu standen gleich mehrere Schüsseln auf dem Tisch: Gurkensalat, Tomatensalat, Kartoffelsalat und Krautsalat. Manchmal gab es statt Braten auch ein Brathähnchen, goldbraun und knusprig.
Heute wird im Auto gegessen, auf der Couch oder im Stehen. Kinder wachsen mit Lieferservices auf, nicht mit Töpfen. Und das hat Folgen: Wer nie erlebt, wie eine Schüssel Krautsalat herumgereicht wird oder wie die Serviettenknödel aufgeteilt werden, dem fehlt später das Verständnis für gemeinsames Essen.
Esskultur entsteht nicht durch Foodtrends, sondern durch Wiederholung. Fleischpflanzerl, Matjes und Frikadellen sind kein Luxus, sondern ehrliches Essen. Sie könnten bei uns viel öfter auf den Tisch kommen, mit Stolz, mit Geschmack, mit Lust und mit Genuss.
Genau diese Normalität ist in vielen Familien verschwunden. Und mit ihr auch ein Stück Gemeinschaft, das kein Lieferdienst der Welt zurückbringen kann. Wer Ideen und Anregungen für Zuhause sucht, findet sie in meiner Familienküche Kategorie und in der Heimatküche.
Kritik und Vergleich
Esskultur Kritik kommt von allen Seiten. Zu billig, zu fett, zu industriell. Zu viel Fleisch, zu wenig Gemüse. Dabei waren die Mahlzeiten am Familientisch früher durchaus ausgewogen: Fleisch, Beilagen, Gemüse und mehrere Schüsseln Salat. Was soll daran falsch sein?
Falsch ist die ständige Bewertung, eigentlich die Abwertung anderer, die Fleisch oder Fisch essen. Solche Diskussionen beende ich sofort. Mir schmeckt nicht alles, was andere essen, und ich bleibe dabei: Die Schweinshaxe ist weder gestrig noch ein Minenfeld. Sie ist knusprig, herrlich und fein. Das beweisen jedes Jahr die tausenden Gäste auf dem Oktoberfest, die mit Genuss Schweinshaxen und Braten essen. Vielleicht ist unsere Medienwelt längst abgekoppelt von der Realität, was tatsächlich schmeckt und was wir wollen.
Verteidigen wir ab heute unsere Esskultur. Das ist mein Aufruf: Stehen wir dazu, was uns schmeckt. Italiener verteidigen ihre Pasta wie eine Religion. Franzosen lassen sich ihren Käse nicht nehmen. In Deutschland darf es ab heute kein Schulterzucken mehr geben und die Asia-Box gibt es nur noch einmal im Monat. Wir sind sehr gut in der Küche, wenn wir wollen.
Folge meiner Website, tritt meinem WhatsApp-Kanal bei, genieße das Leben und die deutsche Küche.





